Eine kleine (wahre) Geschichte aus dem Alltag
Hannah steht im Garten. In der einen Hand die Kaffeetasse, in der anderen die Leine.
Daisy schaut sie an.
Hannah schaut zurück.
Beide wissen: Das wird wieder nicht der Hit...
Der Kot ist wieder weich. Nicht dramatisch. Nicht blutig. Nicht spektakulär.
Aber seit Wochen eben auch nicht normal.
Tierarzt Nummer eins: Kotprobe – negativ.
Tierarzt Nummer zwei: Blutbild – unauffällig.
Tierarzt Nummer drei: „Probieren wir mal ein anderes Futter.“
Und Hannah denkt:
👉 Irgendwas übersehe ich doch. Oder?
Wenn dir diese Situation bekannt vorkommt: Willkommen im Club.
Und nein – du bist weder hysterisch noch übergenau. Dein Bauchgefühl hat meist recht.
„Ohne Befund“ heißt nicht „ohne Problem“
Das ist der wichtigste Satz dieses Artikels.
Was bei chronischem Durchfall oft im Dunkeln bleibt
Wenn Kot- und Blutuntersuchungen unauffällig sind, heißt das nicht,
dass der Darm gesund ist – sondern oft nur, dass funktionelle Störungen nicht erfasst wurden.
Häufig übersehen werden zum Beispiel:
-
Zu wenig schützende Darmbakterien und eine verschobene Darmflora
-
Übermäßige Gärungsprozesse, obwohl kein klassischer Erreger nachweisbar ist
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Eine gereizte oder geschwächte Darmschleimhaut, die Nährstoffe schlechter aufnimmt
-
Verdauungsprobleme auf funktioneller Ebene (z. B. Enzyme, Gallensäuren), ohne klare Laborabweichung
-
Stille Entzündungen, die für Blutwerte zu „leise“ sind
-
Stressbedingte Darmreaktionen, die sich nicht messen lassen
➡️ Diese Prozesse verursachen Durchfall, bleiben aber in der tiermedizinischen Standarddiagnostik häufig unsichtbar.
1. Der Darm reagiert – nicht die Blutwerte
Der Darm ist ein eigenes Ökosystem.
Er kann gereizt, überfordert oder entzündet sein, ohne dass das Blutbild Alarm schlägt.
Typisch:
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wechselnde Kotkonsistenz
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Blähungen
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Schleim
-
Besserung und Rückfall im Wechsel
2. Futter ist nicht gleich Futter
„Hypoallergen“ heißt nicht automatisch „verträglich“.
Manche Hunde reagieren nicht auf das Protein,
sondern auf:
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Zusatzstoffe
-
Verarbeitung
-
Fettgehalt
-
Fütterungsrhythmus
➡️ Der Darm protestiert leise – aber dauerhaft.
3. Stress schlägt auf den Darm (ja, wirklich)
- Ein Umzug
- Ein neuer Hund
- Mehr Training
- Weniger Ruhe
Der Darm ist hochgradig stressanfällig.
Chronischer Durchfall ist oft nicht nur ein Ernährungs-, sondern auch ein Regulationsproblem.
Warum „wir probieren mal was“ oft nicht reicht
Jetzt werde ich unbequem – aber ehrlich.
Ständiges:
-
Futterwechseln
-
Medikamentieren
-
„Abwarten“
… bringt selten Klarheit.
Im Gegenteil: Es überfordert den Darm noch mehr.
Was fehlt, ist ein Plan.
Und jetzt? Die entscheidenden Fragen, die weiterhelfen
Wenn alle bisherigen Befunde „okay“ sind, lohnt es sich, anders zu denken:
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Wie stabil ist die Darmflora wirklich?
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Wurde der Darm nach Medikamenten jemals aufgebaut?
-
Passt das Futter zur aktuellen Belastbarkeit des Darms?
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Gibt es stille Stressoren im Alltag?
-
Wie lange besteht das Problem – und wie zyklisch?
👉 Chronischer Durchfall ist selten isoliert. Er ist fast immer Teil eines größeren Bildes.
Die gute Nachricht (und die ist wirklich gut)
Die meisten Hunde mit chronischem Durchfall ohne Befund lassen sich sehr gut stabilisieren, wenn man:
-
den Darm ernst nimmt
-
nicht nur Symptome bekämpft
-
Geduld vor Aktionismus stellt
Und ja: Oft braucht es weniger Medikamente – und mehr Verständnis.
Zum Schluss, ganz direkt:
Wenn du bei diesem Text mehrmals genickt hast, dann bist du vermutlich an dem Punkt, an dem Standardlösungen nicht mehr greifen. Das ist der Moment, an dem man anfangen darf, strategisch zu denken und neue Wege in Betracht zu ziehen;)
Autorin: Susanne Deutrich, THP und Dozentin
Ich arbeite seit über 18 Jahren im Bereich Tiergesundheit, schon lange fokussiert auf den Schwerpunkt Darm- und Allergieprobleme. In meiner Arbeit verbinde ich fundiertes tiermedizinisches Wissen mit einem ganzheitlichen Blick auf Ernährung, Darmflora und Lebensumstände. Mein Ziel ist es, Zusammenhänge verständlich zu machen – und dort anzusetzen, wo Standardlösungen oft nicht weiterhelfen.
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